Strasser vor 24-Stunden-Bahnweltrekord-Versuch: „Mystische 1.000 Kilometer? Davon träume ich“!

Schaut seinem 24-Stunden-Weltrekord auf der Bahn zuversichtlich entgegen: Extrem-Radsportler Christoph Strasser - Foto: © Tana Hell (tana-hell.com) / Instagram: @bytanahell

Am Samstag (14. Oktober, ab 13 Uhr via Livestream auf www.christophstrasser.at) nimmt der österreichische Extrem-Radsportler Christoph Strasser im „Tissot-Velodrome Suisse“ im schweizerischen Grenchen den 24-Stunden-Weltrekord auf der Bahn ins Visier.

Im Interview mit radsportkompakt.de spricht der 34-Jährige unter anderem darüber, wie er die Chancen sieht die amtierende Bestmarke des Slowenen Marko Baloh (903,76 km) aus dem Jahr 2010 zu knacken, wieso ihm ein Straßenprofi-Dasein zu langweilig wäre, weshalb Extremsport die Psyche belasten kann, und worauf er sich nach einem Wettkampf besonders freut.

Herr Strasser, nach Ihrem vierten Sieg beim Race Across America (RAAM) in diesem Jahr, wollen sie am Samstag einen neuen 24-Stunden-Weltrekord auf der Bahn aufstellen. Nach ihrer sechsstündigen Generalprobe in Wien: Läuft alles nach Plan?

Es läuft alles nach Plan. Ich war mit exakt 251 Watt fast durchwegs mit 42 km/h unterwegs. Die große Unbekannte vor der Generalprobe war, wie sich mein Rücken verhält. So nach zwei Stunden habe ich ihn extrem gespürt, aber die Schmerzen wurden nicht schlimmer. Das stimmt mich zuversichtlich, dass sich das über 24 Stunden einpendelt. Doch auch das Mentale spielt eine wichtige Rolle.

Bereiten Sie sich mental speziell vor?

Eigentlich nicht! Ich habe früher mit einem Mentaltrainer zusammengearbeitet. Heute verlasse ich mich mehr auf einen starken Willen. Dabei stelle ich mir für mich selber die Frage: „Was will ich erreichen? Wohin soll die Reise gehen? Warum tue ich mir das an?“ Früher gab es nichts anderes außer Trainieren und Radfahren für mich. Jeder Tag war toll, Hauptsache ich habe jeden Tag auf dem Rad gesessen. Dann kam es schon einmal vor, dass ich bei oder nach Wettkämpfen meine mentalen Grenzen erlebt habe. Mittlerweile ist es ein wenig anders – und das Training nicht immer so lustig wie früher. Aber ich bin bei den Wettkämpfen mental immer stärker geworden. Ich habe einfach mehr Spaß an dem Gesamtprojekt, als nur allein an der körperlichen Leistung.

Was meinen Sie damit genau?

Nun ja, ich bin vor einem Wettbewerb schon eine Art Eventmanager. Sprich ich plane die Wettkämpfe, die Reisen, kümmere mich um Sponsoren und am alles was dazu gehört – natürlich auch das Training. Da bekommt man einen anderen Zugang als zum Beispiel ein Straßenprofi in der WorldTour, der vor dem Rennen aus dem Bus steigt, da ein sauberes Rad mit geschmierter Kette stehen hat und damit direkt an die Startlinie fährt. Das wäre mir zu langweilig. Mir macht das Gesamtpaket, was ich quasi alleine stemme, einfach Spaß. Also nicht nur das Radfahren allein, das hat sich im Laufe der Jahre etwas verlagert.

Wie oft stellen Sie sich im Jahr die Frage: „Wieso tue ich mir das an“?

Die Tage gibt es natürlich auch! Vor allem nach großen Wettbewerben wie dem RAAM ist es ganz schlimm. Das geht schon in Richtung einer depressiven Phase beziehungsweise einer vorübergehenden Depression. Dabei ist es egal, ob man gewonnen hat oder ausgeschieden ist – man fällt einfach erst einmal in eine Art Loch und ist unmotiviert. Aber man kann es natürlich auch genießen und dann wieder auf den nächsten Wettkampf hinarbeiten.

Gibt es nach dem nach dem 24-Stunden-Weltrekord noch etwas, was Sie reizt?

Ich habe mir niemals eine Liste mit Wettkämpfen gemacht, die ich machen möchte. Ich mache einfach das, was mich im Jahr reizt. Das RAAM reizt mich zum Beispiel immer wieder. Das habe ich vorheriges Jahr gemerkt, als ich nicht dabei war. Darum bin ich im nächsten Jahr dort sicher wieder am Start, um meinen fünften Sieg dort anzupeilen. Ein Rekord mehr oder weniger ist mir nicht das Wichtigste, sondern dass ich mit dem Herz dabei bin und Freude daran habe.

Wie zuversichtlich sind Sie, den Rekord von Marko Baloh zu brechen?

Es ist mir schon bewusst, dass sehr viel passieren kann. Bei einem RAAM habe ich eigentlich weniger Anspannung im Vorfeld. Dort weiß ich, was auf mich zukommt und auf was ich mich einstellen muss. Aber der Respekt vor 24 Stunden auf der Bahn sind schon sehr groß. Vor allem die Fragen, hält der Rücken, was macht der Kopf?

War das bei Ihrem 24-Stunden-Weltrekord im Freien auf dem Tempelhofer Feld in Berlin auch so? Ist die Bahn einfacher kalkulierbar?

Vor dem Weltrekord auf dem Tempelhofer Feld 2015 (896,173 km, d.Red.) war ich im Vergleich zu heute tiefenentspannt. Aber natürlich sind die äußeren Umstände in der Halle leichter kalkulierbar, weil man eine konstante Temperatur hat und keinen Wind. In Berlin war es in der Nacht knapp über dem Gefrierpunkt. Da fällt es zum Beispiel wahnsinnig schwer, etwas zu trinken. In der Halle ist das alles etwas einfacher. Das konnte ich bei meiner sechsstündigen Generalprobe in Wien schon sehr gut antesten.

Wieviele Pausen haben Sie beim Rekordversuch in Grenchen eingeplant?

Ich werde so wenig so wie möglich pausieren. Ich glaube mit drei Toilettenpausen müsste ich hinkommen – alles andere wäre unerwartet. Durch die konstante und milde Temperatur werde ich keine Unmengen an Flüssigkeit brauchen, daher sind die WC-Pausen gut zu planen. Auch über den Schweiß werde ich einiges an Flüssigkeit verlieren. Es kann jedoch sein, dass der Rücken irgendwann extrem zieht und ich anhalte, um ihn kurz durchzudehnen oder zum Einschmieren des Gesäßes. Aber mit Ausnahme der WC-Stops möchte ich schon durchfahren.

Wie werden Sie sich ernähren?

Ich benutze da Flüssignahrung, die kommt eigentlich aus dem Krankenhaus und wird zum Beispiel bei Kieferoperationen verabreicht. Damit bin ich seit zehn Jahren bei meinen Wettkämpfen erfolgreich unterwegs. Eine Tetrapack (200 ml) hat 300 Kalorien.

Und nach dem Rennen gibt es dann eine Wurst von Ihrem Sponsor?

(lacht) Ich hoffe, dass sie welche schicken. Aber Spaß beiseite: Danach esse ich einfach alles! Das ist mir dann auch egal – Hauptsache es schmeckt. Ich bin auch nur ein Mensch – und vor allem nach so einem Rennen wird dann auch einmal gefeiert und getrunken. Einfach alles was dazugehört.

Sie werden den Rekord mit einem umgebauten Straßen- und nicht mit einem Zeitfahrrad in Angriff nehmen! Wieso?

Ich bin der Meinung, dass ich in wenigen kurzen Momenten den Freilauf brauchen werde, um die Beine etwas zu lockern oder den Rücken zu dehnen. Außerdem kann ich die Gänge und damit die Trittfrequenz wechseln. Das Bahnrad mit starrer Nabe erlaubt dies nicht.

Was haben Sie an dem Rad verändert?

Der Werfer der Schaltung ist abgebaut (Übersetzung 53×11-23), die Vorderbremse ist demontiert, der linke Bremshebel ist abgebaut. Die Reifen wurden von Specialized für die Bahn optimiert und ich darf das neue Roval-Scheibenlaufrad fahren, das demnächst offiziell auf den Markt kommen wird. Ansonsten hat sich nur der Lenker um 1cm nach unten verlagert, alles andere ist gleich wie beim RAAM. Zudem verringern Ceramic-Speed Schaltröllchen (17 Zähne) mit Keramik-Lagern Reibung der Kette, die mit DryFluid behandelt wird.

Holte sich am Attersee den Feinschliff für seine 24-Stunden-Bahn-Weltrekordversuch: Christoph Strasser -

Holte sich am Attersee den Feinschliff für seine 24-Stunden-Bahn-Weltrekordversuch: Christoph Strasser – Foto: © Tana Hell / Instagram: @bytanahell

Wie hat Ihnen der „King of the Lake“ in die Vorbereitung gepasst?

Es war einfach super. Das Event ist einfach richtig geil! Vor allem, weil man sich mit den Spezialisten im Zeitfahren messen kann, zum Beispiel mit dem Österreichischen Staatsmeister Georg Preidler (Team Sunweb). Da sieht man schon, dass das nochmal eine andere Liga ist – 47,2 Kilometer in unter 56 Minuten ist absolut unvorstellbar (Strasser selber absolvierte den Kurs in 1:01:11,11 Stunde, d.Red.). Ich bin mit meinem vierten Platz bei den Amateuren auch richtig glücklich. Das hat für mich einen ganz besonderen Wert. Als Langstreckenfahrer auf so einer Strecke vorne dabei zu sein, macht mich schon stolz.

Jens Voigt hat vor vier Jahren auch in Grenchen den Stunden-Weltrekord auf 51,115 Kilometer verbessert. Mittlerweile steht die Bestmarke bei 54,526 Kilometer durch Bradley Wiggins. Was trauen Sie sich in einer Stunde zu?

Wenn ich im Training versuche, eine Geschwindigkeit von ca. 50 km/h zu fahren, spüre ich nach zwei Minuten zwischen den Beinen nichts mehr und es schlafen einem die Finger ein. Da wird sicherlich jeder vor mir sein, der beim „King of the Lake“ auch vor mir war. Auf der Bahn die gleiche Leistung zu treten wie auf der Straße, ist wesentlich schwieriger.

Inwieweit hat Sie Ihr Schlüsselbeinbruch im Juli in der Vorbereitung zurückgeworfen?

Das hat überhaupt keinen Einfluss mehr. Körperlich bin ich wieder on Top, ich habe keine Schmerzen mehr und die Schulter ist wieder stabil. Im Nachhinein war die Pause sogar positiv für den Kopf, um auch mal an andere Sachen zu denken.

Also ein Loch zum Aufbau neuer Motivation?

In der Tat! Ich habe gemerkt, dass ich mich manchmal selber in solche Löcher unbewusst reinmanövriere, indem ich zum Beispiel einen Monat gar nichts mache oder ein paar Kilo zunehme. Man braucht immer wieder so Löcher, aus denen man wieder rauskommt. Wenn man lange nur oben auf einer Welle surft, immer fit ist, geht irgendwann die Motivation zurück. Daher glaube ich, dass das Loch durch den Schlüsselbeinbruch im Ende positiv für mich war, um wieder neu motiviert zu sein.

Abschließende Frage: Haben Sie am Samstag auch die 1.000 Kilometer-Marke im Auge?

Die Bahn in Grenchen ist angeblich noch um einen km/h schneller als die in Wien. Das stimmt mich sehr zuversichtlich, dass ich im Idealfall 40 km/h durchhalten und damit mehr als 960 Kilometer schaffen kann. Ob die mystische 1.000 Kilometer-Marke möglich ist? Davon träume ich, aber ich bleibe bescheiden. Jeder Millimeter, mit dem ich den aktuellen Rekord übertreffen würde, wäre ein Erfolg.

Herr Strasser, vielen Dank für das Gespräch und nur das Beste für den kommenden Samstag in Grenchen!

Leistungsdaten von Christoph Strasser beim „King of the Lake“ 2017

Leistungsdaten von der 6-Stunden-Generalprobe in Wien

Foto: © Tana Hell / Instagram: @bytanahell

Bilder vom King of the Lake stehen bei einem internationalen Fotowettbewerb zur Wahl -> http://bit.ly/2fYM6jM

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